2007 schrieb Daniel Stieglitz das Drehbuch für einen abendfüllenden Spielfilm mit dem Titel "Irrlichter". Die Geschichte handelt von einen todkranken Auftragskiller und dessen ungewöhnlicher Freundschaft zu einem jungen Junkie. Das Drehbuch wurde von der Hessischen Filmförderung mit 6500 Euro Produktionsvorbereitung gefördert, doch weil der Anschlusstermin immer näher kam und das Geld nicht für die Produktion einen abendfüllenden Spielfilms ausreichte, nahm Daniel Stieglitz sich eine einzige Szene aus dem Buch und schrieb sie zu einem eigenständigen Kurzfilm um. Das war die Grundlage für „Spielzeugland Endstation“.

Neben dem Regisseur, Autoren und Produzenten Daniel Stieglitz ist dies auch die Abschlussarbeit der beiden Kasseler Mitstudenten Thomas Förster, der bei dem Film die Kamera übernommen hat (wie bei bisher allen Filmen von Daniel Stieglitz) und Riet Bernard, die für Kostüm und Szenenbild verantwortlich war.

Ursprünglich sollte der Film nur „Spielzeugland“ heißen. Nach Beendigung der Dreharbeiten meldete sich jedoch der Regisseur Jochen Alexander Freydank bei Daniel Stieglitz, dessen gleichnamiger Film Spielzeugland den Oscar in der Kategorie "bester Kurzfilm" gewann. Schließlich wurde der Titel in „Spielzeugland Endstation“ umbenannt.

Die Rückblenden in dem Waisenhaus wurden in der ehemaligen Kaserne in Krampnitz bei Potsdam gedreht, wo bereits Filme wie Duell - Enemy at the Gates von Jean-Jacques Annaud, Teile von Inglourious Basterds von Quentin Tarantino, Mein Führer – Die wirklich wahrste Wahrheit über Adolf Hitler und Resident Evil' gedreht wurde.

Die Szenen in der Wohnung des Killers sowie der Wohnung des kleinen Mädchens wurden allesamt in einem Haus in Berlin-Neuköln gedreht. In dem selben Haus wohnte das Filmteam aus Kassel während der Drehzeit, ohne warmes Wasser oder Heizung im Winter 2007/2008. Die Traumsequenzen wurden in der Löwenburg (Kassel) gedreht, die für diesen Tag eigens geschlossen und aufwendig geschmückt wurde.

Für die Filmförderungsanstalt wurde eine 17-minütige Kurzfassung geschnitten, die jetzt ebenfalls auf nationalen und internationalen Festivals läuft.



Interview mit Erwin Leder


Was hat Sie an dem Drehbuch, insbesondere an der Figur des Killers interessiert?


Was mich an allen diesen kaputten Figuren interessiert, diese morbide menschliche Widersprüchlichkeit. Das sind keine glatten Figuren, sie sind gespickt mit unglaublichen Facetten zwischen Liebe und Hass, Gleichgültigkeit und Anteilnahme. Sie mussten durch Härten gehen ohne darauf vorbereitet zu werden, sie wurden stumpf und gnadenlos, wiewohl zugleich etwas tief in ihrem Inneren nach Wärme und Geborgenheit bettelte. Die klassischen Dramen sind voll von ihnen, heute trifft man sie in den Vorstädten. Sie wurden vernachlässigt und später angeklagt, und doch sind sie nur ein Spiegelbild ihrer Gesellschaft.


Gibt es Gemeinsamkeiten zwischen Ihnen und dieser Figur?


Ich entstamme einer Arztfamilie und verbrachte seit früher Kindheit regelmäßig Zeit mit psychisch Kranken, was daher nichts schreckhaftes für mich hat, daher habe ich auch keine Scheu, verschrobene und anders merkwürdige Charaktere zu spielen. Was mich persönlich mit dieser Figur verbindet liegt auf einer anderen Ebene. Ohne einen übersteigerten Hang zur Minutiosität ist diese Figur für mich nicht zu begreifen. Mein Vater war nicht nur ein hervorragender Arzt, er war insgesamt ein sehr genauer Mensch, und er war ein begnadeter Handwerker. Er war einer von denen, die, wenn sie etwas montieren, niemals vergessen, wo ihr Werkzeug liegt. Und ich habe mich dann in jungen Jahren immer furchtbar geärgert, wenn ich einen Schraubenzieher oder einen Bohrer nicht gleich gefunden habe. Hier ging ´s unter anderem um einen Mann, dessen Gedeih und Verderb von seiner Geschicklichkeit abhing - in gewissem Sinne ist er mir hierin nicht ganz unähnlich...


Wie war die Zusammenarbeit mit der sehr jungen Alessia Graf, die das Mädchen spielt?


Intelligent, verschmitzt, sympathisch frech und sehr sehr aufmerksam, das war der erste Eindruck, den Alessia auf mich machte, als wir sie zu Hause in Berlin besuchten - und ein bleibender. Sie war und blieb keinen Augenblick scheu, bemerkte und merkte sich jede Kleinigkeit. Alessia ist fähig zu modulieren und ihre Stimme entsprechend der Situation anzupassen, auch hat sie eine wunderschöne Sprache, was mich sehr beeindruckte. Fast immer behütet von Mamá, Anna oder Maren war sie zum Glück einigermaßen fixiert auf Daniel, was die Arbeit ungemein erleichterte. Daniel konnte mit ihr hervorragend umgehen und sie motivieren, auch wenn ´s mal länger dauerte - das Warten, aber auch das Drehen: dann konnte sie klarerweise schon mal auch die Augen verdrehen mit dem Satz "aber nur noch einmal!" Daniel: "ja, noch ein-mal." Alessia: "Ein-mal." Daniel "Ja. Noch ein-mal." Dann war sie plötzlich aber stets ganz konzentriert, wie ein Profi, und schaukelte das Ding. Und Daniel sagte gar oft danach "Alessia, das war ganz wunderbar! Aber wir drehen ´s noch einmal." Und Alessia "NOCH EINMAL??" Daniel "Ja. noch einmal." Alessia, "aber nur EINmal." Daniel ,"Ja. Noch EINmal." Alessia, "EIN-mal?" Daniel, "Ja. Ein-mal." Merkwürdiger Weise hat sie niemals eine einzige Aufnahme wirklich verweigert - obwohl sie sicher oft auch schon müde war; es war wie ein kokettes Spielchen zwischen den beiden mit diesem gewissen Grinsen hinter dem Öhrchen. Sie blieben sich beide nichts schuldig, Daniel seiner Genauigkeit und Alessia ihrem Veto, beide waren unnachgibig, aber beide haben gewonnen.


Wie empfanden Sie, als erfahrener Profi, die Arbeit mit dem weitaus unerfahrenerem Studentenensemble hinter der Kamera?


Hinter der Kamera nahm ich ja eher selten Platz, weil ich in nahezu jedem Bild drin war. Das junge Team hinterließ auf mich einen sehr verbrüderten, ich möchte fast sagen eingeschworenen Eindruck, alle waren höchst motiviert, auch wenn die Drehtage regelmäßig über 12 Stunden dauerten. Die jungen Damen und Herren kompensierten den Personalmangel - as leider usual bei Studentenproduktionen - nicht nur mit Sachkenntnis und Vorbereitung, welche zuweilen nicht immer so gut klappen kann, sondern vor allem mit einer inneren Reife und Freude. Es herrschte eine Form der menschlichen Wärme, welche Vieles trotz fehlender Mittel erst möglich gemacht hat. Viele sprechen ja nach Dreharbeiten von "guter Stimmung" am Set, hier war es eine Herzensgemeinschaft, möglicher Weise auch unterstützt vom inneren Gehalt der Geschichte des Films. Viele Kollegen haben ja gerne ihren Spass während der Drehpausen, ich bin diesbezüglich prinzipiell sicher nicht abgeneigt, dennoch liebe ich eine gewisse Stille und Ernsthaftigkeit - nicht nur der Thematik wegen, immerhin ist Film eine sehr unltimative Sache. Wenn Mittel fehlen, kann gefühlvoller Umgang miteinander leidige Umstände mehr als wettmachen, er eröffnet und mobilisiert vielmehr noch Kräfte, welche trotz Erschöpfung in uns ruhen. Der Fisch beginnt bekanntlich am Kopf zu stinken - in diesem Falle duftete er :)


Gibt es eine Situation während des Drehs, die die besonders in Erinnerung geblieben ist?


Alles begann für mich in einem Hinterhof in Berlin, kleines Räumchen. An zwei langen Tischen saßen eine handvoll Leute und versuchten endlos und mit gigantischer Freude am Handwerk und breitem Grinsen über ´s ganze Gesicht dosische Schlösser mit minutiösen Dittrichen zu öffnen. Der Boss dieses Vereins sah aus wie ein Kripobeamter, und er schaffte es tatsächlich, mir in kurzer Zeit einige Tricks beizubringen, mit welchen ich Sicherheitsschlösser öffnen konnte. Voraussetzung dazu ist eine Menge Gefühl und vor allem Übung, wohl der Grund, warum ich heute das meiste davon wieder vergessen habe.